Badewelten Teil 1 – Am Anfang war der Zuber

Badewelten Teil 2 – Baden in der Leine

Badewelten Teil 3 – Freibad, Hallenbad und Baden heute

Am Anfang war der Badezuber

Über die Öffnungszeiten unseres Hallenbad, Freibad, Franzseebad, Schwimmbad in Neustadt am Rübenberge, über Schwimmkurse für Kinder und Erwachsene oder auch über das Babyschwimmen, Leistungsschwimmen oder Turmspringen in Neustadt erfahren sie hier nichts. Wenn Sie sich aber für die Geschichte der Neustädter Badekultur und den Beginn des Schwimmsports und Badespass in Neustadt interessieren, sind sie hier richtig.

Schon die alten Römer haben seit Mitte des 2. Jahrhunders vor Chr. öffentliche Bäder gebaut. Das Baden in öffentlichen Bädern hatte hohe Bedeutung als sozialer Mittelpunkt des Lebens. Bevor die Goten 537 das Wasserleitungssystem in Rom zerstörten, war das öffentliche Baden im alten Rom Bestandteil der hohen Kultur. Badekultur kam erst im Mittelalter wieder zur Blüte – nach dem 30jährigen Krieg. Doch dann geriet das Baden als schädlich und überflüssig in Verruf. Diese Wasserscheu führte im Rokoko zu einer Körperpflege, die in adeligen Kreisen aus Parfüm und Puder bestand. Erst die Aufklärung reformierte die Medizin und die Ideen über Gesundheit und Hygiene. Bewegung in der Natur wurde wieder empfohlen und auch das Baden und Schwimmen bekam wieder einen Stellenwert in der Gesellschaft. [1]

In Neustadt war man davon auch zu Zeiten der Aufklärung noch lange Zeit entfernt. Wie es hier vor 1820 mit der Badekultur ausgesehen hat, wissen wir nicht so genau.

Im Jahre 1820 jedenfalls stellen die Herren Gemeinheitsmeister2 Wilhelm Krone und Wilhelm Schlette beim „Hochwohl und Wohlgeborener Herr Oberhauptmann, hoch geordneter Stadt- Commißair, geehrtester Herr“ einen Antrag auf die „Vorrichtung einer kleinen Badeanstalt für die hiesige Stadtgemeinde“ [3] Sie verweisen auf eine Quelle ganz nahe an der Stadt am Steinkuhlenberge, die sich wohl zu einer kleinen heilsamen Badeanstalt qualifiziere. Sie sei wünschenwert, weil „die Einwohner und ihre Familien unserer kleinen Stadt in den unglücklichen Jahren durch die überhäufte Einquartierung ihrer Bequemlichkeit gänzlich entbehren mußten und ungesunde Folgen dadurch entstanden sind.“ Hervorgehoben wird, daß auch „die zahlreichen Invaliden, verabschiedete Soldaten und Stadtarme, zum Theil auf Kosten der Stadt nach den Badeörtern gesandt werden müßten“. Dadurch liessen sich Kosten für die (Stadt) Cassen einsparen.

Über das Jahr 1813 liegen Rechnungen vor, die belegen, dass die Kosten einiger beim Rehburger Brunnen zur Kur gewesener kranker Armer einschließlich der Kosten für Medizin über 10 Taler betrugen. So empfingen die Witwe Fischer, Friedrich Moritz, Phillip Küker und Catrine Meyerhofen 18 Bäder. Auch der hiesige Arzt versicherte, in Neustadt die gleiche Heilwirkung wie in Rehburg erzielen zu können. (Barby, Armenchronik)

Die Antragssteller wagen es im Namen der Bürgerschaft, die Mittel „zu einer kleinen Vorrichtung, die 32 Fuß lang und 17 Fuß breit mit 3 Baderäumen und einem Wasserkessel“ zu beantragen. Auch die Beschaffung des benötigten Eichenholzes aus dem gemeinschaftlichen Holze wurde mit dem Forstaufseher Düring vorab verabredet.

Offensichtlich hatte die Stadt in diesen Zeiten, 1824, u.a. unter den unerfreulichen Verhältnissen unter dem Stadtcommissar Stietencron zu leiden. Krone und Schlette beklagen neben anderen überzogenen Ausgaben, dass das Badehaus, erbaut auf Kosten der Kämmerei, 700 Taler gekostet hat, obgleich das Holz aus der Stadtforst genommen war, die Arbeiten und Fuhren durch Gemeindedienste geleistet sind! Auch die Tischlerarbeiten an Fenstern und Türen sind unentgeltlich gemacht. (Winkel S. 178)

Am 25 Oktober 1842 erhält die Armenkasse folgende Rechnung: „Der kranken Ehefrau des Maurergesellen Ludwig Bröker allhier, sind im Sommer im hiesigen Badehause 38 Stück Bäder a 2 gg verabreicht, wofür von der Spendecasse Rechnungsführer Redderoth in Summa Drey Thaler 4 gg Courant aus der Spende richtig bezahlt sind , solches wird hiermit quittiert. Neustadt am 25 Oktbr. 1842, H. Howien, Pächter der hiesigen Badeanstalt. Dass obige Bäder für den Gesundheitszustand der Frau Bröker notwendig vom Unterzeichneten verordnet wird hiermit attestiert, Neustadt 29. Oktob. 1842, Pape, Dr. med. (Barby, Armenchronik).

Altes Badehaus in der Lindenstraße in Neustadt

Lindenstrasse, Blickrichtung stadteinwärts, nach 1906. Rechts: mit rauchendem Schornstein das städtische Badehaus. Im Hintergrund: die „Rektorschule, erkennbar am Turm. Links: Wohnhaus Klages. (Foto: Museum für Stadtgeschichte)

Das Bauwerk erschien aber bald zu klein, sodass bis 1853 ein Antrag auf Erweiterung der Anlage gestellt wurde. Das Badehaus sollte nunmehr statt drei jetzt vier Badezimmer erhalten, die Küche sollte vergrößert und die Wasserbeschaffung mittels einer Innen liegenden Pumpe verbessert werden.

Grundriss des ersten Badehauses in Neustadt
Unten: jetzige Einrichtung, oben: geplante künftige Einrichtung. Antrag auf Erweiterung des Badehauses vor 1853 (4)

Aus dem Bauantrag gehen für die bisherige Einrichtung die Außenmaße von 32,4 Fuss in der Länge und 17 Fuss in der Breite hervor, geplant war ein Verlängerung auf 44 Fuss. Aus einer Schätzung des Badehauses [5] , vermutlich zu Steuer- oder Versicherungszwecken, wird eine Länge von 9,7 Meter (das entspricht dem alten Maß von 32,4 Fuß) und 5 m Breite (entsprechend 17 Fuss) beschrieben. Ob das Gebäude tatsächlich auf die geplanten 44 Fuss (ca 13 Meter] vergrößert wurde, ist nicht nachzuvollziehen, zumal auch später nur von 3 Wannen die Rede ist.

Das Badehaus bestand aus dem Haupthaus (Lindenstrasse 2) und einem Stallgebäude zur Aufbewahrung von Brennmaterial. Die unten abgebildete Schätzung beschreibt das Badehaus so:

Gemeinde Stadt Neustadt Rbge
Straße: Lindenstraße
Eigenthümer: Die Kämmerei der Stadt Neustadt Rbge
Haus Nr 2
Eigenschaft und Benutzungsart: Badehaus dient zur Badeanstalt mit Wanneneinrichtung, Dampfbäder werden nicht bereitet; die Wasserheizung befindet sich im Gebäude,Grundmauern sind von der Abschätzung ausgeschlossen
Bauart : ¾ Steinfachwerk mit Backsteinen nebst Kalküberzug ; ¼ massiv aus Backstein
Dachung: Ziegel in Kalk
Giebel . Die Giebel sind abgemauert
Feuerungsanlagen:
mit Feuerungsanlagen und massiven Schornstein
3,6m vom Dachsims; 6,2m bis zur Giebelspitze; 5,0 m breit 9,7m tief, 48,5 qm; 80Jahre alt
Zustand: Dauerhafte Materialien und solide Ausführung
durch Altern und Benutzung bei guter baulicher Unterhaltung wenig entwertet
Neuwert: 36 M a qm ; 1746 Mark im Ganzen
Jetziger Werth: 1400 Mark
Fremde Nachbargebäude sind nicht vorhanden

Baubeschreibung und Wertschätzung, nach 1875 [3]Um 1860 herum übernahm Frau Pacht das Badehaus in Führung. Sie war allgemein bekannt, wie folgender Reim bezeugt, der 1894/85 in der Leinezeitung erschien:

Der Frauen Wunsch:
Wir armen, armen Mädchen
wir sind gar übel dran
für uns in diesem Städchen
gibt’s nur die Badewann
Wir müssen uns bei Mutter Pacht
in einem engen Tubben
Ein Narr ist wer darüber lacht –
die müden Glieder schrubben
Drum laß o weiser Magistrat,
zunächst uns baden,
die Männer können sich beim Skat
beim Bier und Weine laben.

Um das Jahr 1900 herum berichtet ein Zeitgenosse, daß das Badehaus über 3 Wannen verfügte, davon zwei aus Holz und die dritte für Honoratioren bestimmte Wanne aus Zement. Die Holztubben dienten auch den gestellungspflichtigen jungen Männern, damit sie wie vorgeschrieben rein gewaschen zur Musterung erscheinen konnten. Daher lief der Vers herum: „Bei Mutter Pacht im einem engenTubben, da muss man seine müden Glieder schrubben“.

Das Badehaus wurde für jeweils 6 Jahre verpachtet. 1842 ist noch H. Howien der Pächter. Die Witwe Frau Pacht beantragte und erhielt im Jahre 1888 die Verlängerung des wohl seit 1860 bestehenden Pachtverhältnisses. 1891 jedoch stellte sich heraus, daß die Pacht in Höhe von 75 Mark, in halbjährlichen Raten Johanni und Michaelis fällig, nicht mehr aufgebracht werden konnte. Die inzwischen 72jährige Witwe Pacht bat daher um Reduzierung auf die Hälfte des Zinses. Inwieweit die Stadt darauf einging ist nicht bekannt, 1892 hat sie das Gesuch jedoch wiederholt. Erst 1900 erklärte die Tochter Johanne Pacht sich nicht im Stande und gewillt „[…], in das Pachtverhältnis meiner verstorbenen Mutter bezüglich des Städtischen Badehause einzutreten.“ Damit war die etwa 40 Jahre dauernde Aera der „Wittwe Pacht“, die es selbst auf 80 Lebensjahre gebracht hat, zu Ende.

Der Magistrat setzte sofort einen Termin an, an dem sich „Pachtliebhaber“ um das Badehaus bewerben konnten. (gemeint waren aber Interessenten, die für das Badehaus bieten sollten, nicht Liebhaber der Frau Pacht). Wer den Zuschlag erhielt, ist nicht bekannt. Erst 1924 teilt der Magistrat dem Arbeiter Aug. Schulz den Beschluss mit, „die Reparatur im Badehause wegen der hohen Kosten vorläufig zurückzustellen. Wir ersuchen Sie zunächst, die fällige Miete zu zahlen“.

Während der langen Betriebszeit des Badehauses mußte die Inneneinrichtung hin und wieder ausgewechselt werden. 1905 wurde die Anschaffung von Kupfernen Kesseln erwogen, daher wurden folgende Angebote eingeholt:

Lange v. 21.3.05
Ia Harzer Kupferkessel
a Kg M 2,15

Behrens & Co v 20.März 1905

Wir offerieren Kupferkessel Je Kilo 2,20, Ed Kollmeyer, 23.März 1905, auf Ihre gepflegte Aufforderung offeriere ich Ihnen Kupferne Kessel per Kilo M 2,30 und sehe Ihrem angenehmen Auftrag entgegen.

Die oben genannten Anbieter finden wir noch in der heutigen Geschäftswelt wieder.

Aus der Handlung Lange wurde der Fordhändler A.W. Lange, Behrens & Co besteht noch als Porzellangeschäft in der Stadtmitte

Firma Kollmeyer hat ihr Sortiment von Manufakturwaren, Austeuerartikeln, Kolonialwaren, Porzellan, Eisenwaren, Künstl. Dünger, Sämereien auf Betten und Aussteuertartikel konzentriert. Etwa um diese Zeit dürfte auch das Angebot der Firma Oscar Winter für Badeartikel gefallen sein, dessen Katalog hier abgebildet ist.[6]

Ob sich die Stadt wirklich so luxuriöse Artikel leisten konnte oder wollte wie: „Patent- Wellenschaukel“, „Triumph- Wiegebadschaukel“, „Badestühle mit und ohne Ofen“, „Cylinderofen mit Patent- BatterieNeptun“ oder den kunstvoll gestalteten Batterien, lackiert, mit Marmorplatte, dreizeilig aus fein polierten Messingguss ist unwahrscheinlich.

Eine eigene Badewanne war, besonders auf dem Lande, ein Zeichen höchsten Komforts. So ist es denn auch nicht verwunderlich, dass in der Leinezeitung vom 28. Mai 1907 geworben wird:

Es sei darauf hingewiesen, daß seit einiger Zeit im städtischen Badehause eine neue emaillierte Wanne aufgestellt ist, in der es sich ganz wohlig plätschern läßt. Ueberhaupt ist die Ausstattung und Einrichtung im Badehause jetzt eine derartige, daß die Benutzung dieser wohltätigen Einrichtung sicherlich jedem Wassserfreunde – und wer wäre das nicht, zumal in der heißen Sommerszeit – Behagen und Freude verursachen wird. Auch der Preis ist so billig gestellt, daß auch Minderbemittelte die Ausgabe für „jede Woche ein Bad“ nicht allzuhart empfinden werden.

Im Zuge der Neuordnung von Straßennamen und Hausnummern wird im Adressbuch von 1908 das Badehaus mit der Adresse Lindenstraße 17, früher Lindenstraße 2, aufgeführt. Als Eigentümer wird die Stadt Neustadt angegeben.

1911 verweist der Magistrat auf eine Nachfrage des Reg. Präs. auf das seit Jahrzehnten bestehende städtische Badehaus, das jetzt zwar geschlossen sei, aber es wurde „in dem neuen Brunnenhause Gelegenheit geschaffen, für die Einwohner der Stadt Neustadt zu sehr mäßigen Preise warme Bäder mit Dusche und auch medizinische Bäder zu erhalten. Von dieser Erinrichtung wird bereits recht ausgiebig Gebrauch gemacht.“

Von diesem, dem „neuen Brunnenhause“, ist uns bisher aber noch nichts bekannt. Darüber wird noch zu berichten sein.

Badewelten Teil 2 – Baden in der Leine

[HD März 10][1] Quelle: Wikipedia
[2] Gemeinheitsmeister = Bürgervorsteher o. ä. ?
[3] Aus Reg Arch NRÜ I 158
[4] Ebenda
[5] Jedenfalls nach 1875. der Einführung des metrischen Sysems
[6] Reg Arch NRÜ II 944


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