Das 18. Jahrhundert war eine von  Krieg und Armut und Umbrüchen geprägte Zeit.  Das gilt auch für das Neustädter Land.  Aus dieser Zeit haben wir über den Familienvater Anthon Christian Kallmeyer (auch Kalmeyer oder Calmeyer) und seine Familie recherchiert.  Zunächst noch geachtet und gelitten, starb er 88 Jahre alt in Not und Armut.

Etwa im Jahre 1711 zog es den jungen Mann nach Neustadt. Er kam aus Lachem, an der Weser zwischen Hameln und Hessisch Oldendorf gelegen. Lachem ist auch heute noch ein Dorf mit einer malerischen Kirche, über den Weserfluss führte damals eine Fähre. Sein Weg führte etwa 60 Kilometer weit über den Süntel, an Barsinghausen, Nenndorf und Wunstorf vorbei nach Neustadt. Was hat den  28 Jahre alten, 1683 geborenen Anton Christian Kallmeyer in diese Kreisstadt gezogen? In Neustadt lebten etwa 620 Einwohner (1698: 617 Einwohner),  die hohe Zeit als beachtete Fürstenresidenz war nach  dem Tode Herzog Erich II. 1583 vorbei. Landesherr war seit 1698 Herzog Georg Ludwig, „Hertzog zu Braunschweig und Lüneburg, des Heil.Röm. Reichs Ertz= Schatzmeister und Kurfürst“ , der von 1714 bis 1727 König von England wurde.

 

König Georg I, Landesherr v 1698 – 1727

König Georg I, Landesherr v 1698 – 1727

Im herzoglichen Schloss residierte als Vertreter des Wolfenbütteler Fürstenhauses ein Amtmann.

Der Grund, warum er nach Neustadt kam, ist unbekannt. Anton Christian Kallmeyer hat sich in Neustadt aber wohl schnell etabliert. Bereits in einer Zählliste von 1712 ist Anthon Kallmeyer aufgeführt.

Etwa 1713 heiratete er Anna Hedewig Ristenpath, Tochter einer alteingesessenen Neustädter Familie;  ihr Vater, Harmen Ristenpath,  war hier seit langer Zeit Stadtrichter. (Das Hochzeitsdatum ist unbestimmt. Die Aufzeichnungen der Eheschließungen im Kirchenbuch Neustadt beginnen erst 1726.)  Anna Hedewig, geboren 1688,  war zu dem Zeitpunkt 25 Jahre alt, 5 Jahre jünger als ihr Mann. 1716 wird das erste Kind geboren.

1717 wurde es Zeit, sich ins Bürgerbuch eintragen zu lassen.  Voraussetzung war eine Art Leumundszeugnis über die eheliche Geburt sowie der Besitz eines Hauses in der Stadt.

Der Pastor in Lachem hatte ihm die benötigte Geburtsbescheinigung ausgestellt, im „Verzeichnis der Jungen Bürger Nahmen, so auf Nicolai Ihr Bürgerliches Eid geleistet und angenommen“ ist bestätigt:

Den 9ten Decembris 1717 Anthon Christian Calmeier bürtig von Lachem bei Hameln, hatt bei Attestum von den Prediger zu Lachem producieret, daß er echt und recht geboren worden.

Den 9ten Decembris 1717 Anthon Christian Calmeier bürtig von Lachem bei Hameln, hatt bei Attestum von den Prediger zu Lachem producieret, daß er echt und recht geboren worden.

Der abzulegende Bürgereid hatte etwa folgenden Inhalt:

Ich schwöre bei Gott dem Allmächtigen und Allwissenden, dass ich die mir nach den Gesetzen und der Standesverfassung obliegenden  Pflichten als Bürger gewissenhaft erfüllen und den Vorgesetzten Behörden namentlich dem Magistrat Gehorsam leisten werde.

Die Herkunft nachzuweisen, kann nicht schwer gefallen sein. Kallmeier, in anderer Schreibweise auch Calmeyer oder ähnlich, war ein alteingesessenes Geschlecht in Lachem, in der dortigen Kirche zieren noch heute einige dieses Namens die Balkonbrüstung in der Kirche.

Auch mit der hiesigen Kirche war Anton Kallmeyer verbunden: Das Kirchenstuhlregister der Kirche zu Neustadt registriert seinen und seiner Nachfolger Namen mit Anspruch auf einen bestimmten Platz in der Kirche. (Kirchenarchiv)

Wo wohnt Anthon Christian Kallmeyer

Schwieriger ist der Nachweis eines eigenen Hauses. Bis 1717 ist nicht bekannt, wie Kallmeyer seinen Lebensunterhalt verdiente.  Mit Unterstützung seines Schwiegervaters Harmen Ristenpart, dem amtierenden Stadtrichter, der für ihn bürgte, konnte er jetzt die auf jeweils drei Jahre bis 1719 ausgelobte Stelle des Kellerwirts übernehmen. Kellerwirt, also der Wirt des Ratskellers, war eine geachtete Position, danach ist manch einer zum Bürgermeister aufgestiegen! Ein zweites Mal kann er von 1726 bis 1729 Kellerwirt werden.

Unterschrift von Anton Christian Kallmeyer unter dem Vertrag als Kellerwirt

Unterschrift von Anton Christian Kallmeyer unter dem Vertrag als Kellerwirt

Erst 1727 nach dem „Großen Brand“ von 1727, wird wird auf der sogenannten Brandkarte belegt:  „Anthon Kallmeyer Brauhauß hatt am Markte gewohnt“. Es ist denkbar, dass er von zu Hause aus mit genügend Barmittel für den Kauf eines eigenen, sogar mit Braurechten belegten Hauses ausgestattet war. Auf dem Brandplan von 1727 ist gegenüber dem Rathauses, an der Stelle der heutigen Wache, eine Häuserzeile eingetragen, die bei der Neuordnung der Stadt zugunsten der Straßenverbreiterung nach dem Brand abgerissen wurde. Es steht zu vermuten, dass hier auch das Heim von Kallmeyer stand. Ein Nachbar war unter anderem der Apotheker Meyer, Vorgänger des heutigen Apothekers Redeker.

Karte des Großen Brandes von 1727 mit der geplanten Neuordnung des Straßensystems. Rechts schwach erkennbar eine Häuserzeile

Karte des Großen Brandes von 1727 mit der geplanten Neuordnung des Straßensystems. Rechts neben der Kirche und gegenüber dem Rathaus schwach erkennbar eine Häuserzeile

Nach dem Großen Brand konnte Kallmeyer im Zuge der Neuordnung der Stadt vor das Lauentor und außerhalb der Wallanlage umsiedeln. Er war wohl der Erste, der außer halb der Wallanlage baute.  (Oben auf dem Plan das untere Haus der linken, rot dargestellten geplanten Hausgruppe) Heute steht dort das ehemalige Kaufhaus Hibbe. Letztlich war das für ihn kein schlechtes Geschäft, wie aus der Beschreibung und Abrechnung von 1728 hervorgeht. Danach wird aufgerechnet:

Nr 4 Anthon Kallmeyer Brauhauß

Hat am Markte gewohnet und

  • gehabt: 1010 Fuß
  • a Fuß 1g: 28 T 2g
  • deßen Keller: 13 T
  • Summa: 41 T 2g

Rücket gutwillig vors Thor und be=

  • Komt wieder: 4550 Fuß
  • A Fuß 3 Pf: 47 T 10 g 4 Pf
  • Also mehr 6T 8 g 4 Pf

Welche vor die Verrückung gutzutun

In „Die Kunstdenkmale des Landes Niedersachsen, Kreis Neustadt am Rübenberge“ von 1958 wird das Haus genau beschrieben: Marktstraße, Haus Nr. 27, Fachwerkbau, 1728 erbautes Haus der neu erstehenden Vorstadt. Vierständer, Giebel mit zwei Vorkragungen. Inschrift in Kapitalen:  Anthon Christian Kalmeyer- Anne Heidewig Ristenpat- Anno 1729

 

Kallmeyers Ackerbürgerhaus von 1729 in der Marktstraße 27 in Neustadt am Rübenberge. Hier eine Aufnahme während des Schützenfestes.

Kallmeyers Ackerbürgerhaus von 1729 in der Marktstraße 27 in Neustadt am Rübenberge. Hier eine Aufnahme während des Schützenfestes.

 

Kallmeyers Ackerbürgerhaus von 1729 in der Marktstraße 27 in Neustadt am Rübenberge. Vermutlich das erste Haus, welches jenseits des Stadtwalls genau wurde.

Kallmeyers Ackerbürgerhaus von 1729 in der Marktstraße 27 in Neustadt am Rübenberge. Vermutlich das erste Haus, welches jenseits des Stadtwalls gebaut wurde.

Wie er seinen Lebensunterhalt verdient hat, ist nicht genau erforschbar. Sicher ist er für seine Aufgabe als Stadtrichter (siehe unten) entlohnt worden, die Jahre als Kellerwirt werden auch etwas abgeworfen haben. Ein Eintrag in einer Kirchenliste für Deputateinnahmen verweist auf landwirtschaftliche Tätigkeit.  In dieser Liste, die zeitmäßig  nicht genau einzuordnen  ist, muss er 2 Himpten  und 2 Metzen (beides Hohlmasse für Getreide und Salz. Ein Himpten entspricht einem halben Scheffel) für die Pacht eines „Stückes in der Blumenwandlung bei Wöhlken  Superinted. Lande abgeben.

Fridr Bode  jetzo Anthon Kalmeier

Fridr Bode  jetzo Anthon Kalmeier

Der Stadtrichter

1736 wird Kallmeyer in den Kirchenbüchern erstmalig als „Stadtrichter“  erwähnt. Auch für 1741 und 1748, da ist er 65 Jahre alt, ist dies noch belegt.  Zuvor ist der Schwiegervater Harm(en) Ristenpath Stadtrichter gewesen. Hat Kallmeyer ihn sozusagen beerbt? Der Stadtrichter war seiner Stellung und Besoldung nach ein Unterbeamter des Amtes. In der Geschichte der Stadt hatte er insofern große Bedeutung, dass er der Mann zwischen den beiden Behörden „Amt“ (also des Fürsten) und der Stadt war. Er hatte also eine Stellung inne, die sehr viel Takt und Spitzengefühl erforderte, da das „Amt“ immer versuchte, die vollständige Hoheit über die Stadt zu erlangen. Diese achtete und pochte auf althergebrachte Rechte.

In einem – undatierten-  Vermerk, abgezeichnet von Anthon Calmeyer, heisst es: „Das Privilegium des Tiefen Bruchs hatt erstlich gegeben:“. Es folgt eine Aufzählung der amtierenden Herzöge, die der Stadt das Privileg erteilt oder erneuert haben, Untergerichte oder sogenannte „Echte Tage“  zu halten.  Sie  beginnt bei  Herzog Erich I. 1557  und endet bei Herzog Ernst August in Hannover 1680. Der „Tiefe Bruch“ wohl ist zu verstehen als niederer oder geringerer (tiefer)  Rechtsbruch oder Vergehen (Bruch), das von der Stadt zu ahnden waren. ARH NRÜ II 516

Ausschnitt eines Vermerks mit Unterschrift von Anthon Kallmeyer

Ausschnitt eines Vermerks mit Unterschrift von Anthon Kallmeyer

Ausschnitt eines Vermerks mit Unterschrift von Anthon Kallmeyer. Interessant ist, dass Anthon Kallmeyer bei der Unterzeichnung des Kellerwirt-Vertrages – oben Bild 3- seinen Name mit K geschrieben hat und das sütterline „e“ verwendete, während er hier seinen Namen mit „C“ schreibt und ein lateinisches „e“ verwendet. Der Bezug zwischen Wortklang und Schriftbild war damals offensichtlich ein anderer als heute.

Zum „Privilegium des Tiefen Bruchs“

In den regelmäßig, ursprünglich 3mal im Jahr stattfindenden „Echtedagen“  hatte der (Stadt)-Richter eine feststehende Aufgabe. „Echtedage“ waren also Gerichtstage, die regelmäßig vor versammelten- jedoch wohl nur männlichen- Bürgern abgehalten wurden. Bei Winkel wird detailliert der Ablauf eines Echtedages aus dem Jahre 1683 geschildert. Demnach führte zwar der Amtmann den Vorsitz und das Protokoll. Die eigentliche Leitung des Gerichts lag in der Hand des „judex“, des Stadtrichters. Er vertrat das Amt und wurde von ihm besoldet. In einem geregelten Verfahren hatte der Bürgermeister das Recht, wohl vor der versammelten Bürgerschaft, dem Richter juristische Fragen grundsätzlicher Art zu stellen. Der Richter gab dieses Anliegen an einen anwesenden Bürger weiter. Mit dessen Antwort und Kommentar war wohl die allgemeine Bürgermeinung erkundet und zu Recht geworden. Damit war der Schein von Bürgerfreiheit gewahrt. Ein „Echtedag“ unter der Leitung von Kallmeyer ist nicht überliefert.

Darüber hinaus  gab es ständig  Auseinandersetzungen zwischen beiden Behörden besonders über Zuständigkeiten, in denen der Stadtrichter, obwohl Bürger der Stadt,  hoheitlich für den Fürsten eintreten musste.

Überliefert ist aus dem Jahre 1743/ 44 folgender Streit: Der Bürgermeister Schreiber hatte nach einem Familienstreit den Bürger Redderot festgesetzt. Das rief aus irgendwelchen Gründen das Amt auf den Plan: der Hausvogt Ebeling, der Stadtrichter Callmeyer und der Gerichtsdiener erschienen auf dem Rathaus und nahmen auf Anweisung des Amtes Redderot mit, obwohl Schreiber die Bürger der Stadt zur Verteidigung des Rathauses aufgerufen hatte.  Kallmeyer war zu diesem Zeitpunkt bereits 60 Jahre alt.

Kallmeyer wurde vom Amt auch vorgeschickt, als er zusammen mit dem Amtsschließer Kaune in das Wohnhaus des Bürgermeisters Schreiber eindringen und einen kupfernen Kessel und zwei Bratenböcke pfänden musste. Vorausgegangen war der Streit über einen vermeintlichen Anspruch des Bürgers Balthasar Buchholz (vermutlich der Schleusenmeister und Gastwirt der Wirtschaft vor dem Leintor, dem späteren „Stern“)

Als Bürgermeister Schreiben in einem öffentlichen Aushang die  Menge und Qualität des gebrauten Bieres beanstandete, beschwerten sich der Brauergildemeister und einige weitere zuständige Bürger beim Amt, worauf der Amtmann verfügte „Der Stadtrichter Kallmeyer soll das Schreiben abnehmen. Teilt das dem Bürgermeister mit und sagt, er solle in Zukunft vorsichtig sein“.  Der Bürgermeister Schreiber war zwar ein guter Jurist, legte sich aber gerne und nicht nur mit dem Amt an.

Es  gab des Öfteren erbitterte, ja gehässige Streitigkeiten zwischen beiden Behörden. Und der Stadtrichter Kallmeyer war oftmals mittendrin.  Die Bedeutung des Stadtrichters wird im Laufe der Zeit abgenommen haben. Es ließ sich um 1752 schon schwer jemand finden, der den Dienst übernehmen wollte. Die Bezahlung war doch mit 5 Talern bares Geld, 1 Malter Roggen und 10 bis 12 Talern Nebeneinnahmen gering. Zum Vergleich: der Amtmann bekam 222 Taler und verschiedene hochwertige Deputate, der Amtsschreiber noch 50 Taler sowie  wertvolle Vergünstigungen. 1825 wurde diese Stelle abgeschafft und durch Polizeidiener, Feldhüter und Nachtwächter ersetzt. Der „Echtedag“  ist aber 1831 noch gehalten worden.

Anthon Christian Kallmeyer hat es wohl nicht verstanden, sich Geld und Güter zu sichern. Das ist später nur einigen Nachkommen halbwegs gelungen. Er ist arm und nahezu mittellos gestorben. Das belegt die „Rechnung über Einnahme und Ausgabe der gesamtem Armengelder“ von 1716 bis 1799. (Neustädter Kirchenarchiv KR III 22) Gemäß „Specificatio derer Hauß  Armen und was selbigen alle 14 Tage gegeben wird“  hat Anthon Kallmeyer erstmalig 1768, dann 1769 und 1770, zuletzt in seinem Todesjahr 1771 eine Geldgabe über 1 Gr (Groschen) 4 Pf /Pfennig) erhalten.

Der Ahnherr der Neustädter Kallmeyer verstarb am 11. Mai 1771. Er wurde 88 Jahre alt. Eine weitere Würdigung ist nicht überliefert.

Anna Hedewig Kallmeyer (geb.) Ristenpath: Die Bademutter

Die Tätigkeit einer Bademutter ist gleichzusetzen mit der Hebamme heutiger Tage. Bademutter deshalb, weil sie das neugeborenen Kind zuweilen auch zu baden pflegte. Damals wurden die Bademütter  aus den Kreisen der weiblichen Bevölkerung gewählt, genossen bei den Frauen im Allgemeinen hohes Ansehen und Vertrauen. Das war im Grundsatz das erste Wahlrecht auch für  Frauen!

Die (erste) Ehefrau von Anthon Kallmeyer und spätere Bademutter wird 1688 geboren Das Neustädter Kirchenbuch hält dazu fest:

1688   16. Ristenpat, Anna Hedewig. (I.1)

(Seite beschädigt)  Novembr: hatt Harm Ristenpat ein Bürger und Becker alhie seine Tochter Zu der H. Tauffe gesandt, Welcher der Nahme Anna Hedewig ist gegeben. Die Gevattern seyn. 1. Johan Dieterichs Fr: 2. Friederich Dettmerings Fr: 3. M. Philipp: Hachmeister der Müller alhie                                                                     (KB 1688 90-16)

1736 hatte sie selbst bereits 7 Kinder geboren und war schon 49 Jahre alt. Aus dem Kirchenbuch geht ihre erstmalig bekannte Erwähnung hervor: (und auch die ihres Ehemannes, Anton Christian Kallmeyer, als Stadtrichter)

1736    10. N.N. Johan Wilhelm, (Kind der Dorothea Baxmann).

d. 25. April ist die hiesige Ambts schließersfr.  nahmens Dorothea … … Johann Baxeman vormahls Ambts schließer hir selbst schon einige Jahre weg gelofen, mit einen uneheligen Sohn nieder kommen, und hat bis dato durch alles zu reden zu keine weder vor bey und nach der gebuhrt können gebracht werden, daß sie den Vatter des Kindes nicht kenne auch zu nennen wisse und giebt vor dass sie auf dem Wege nach Hannover den bösen Jammer bekommen und dass sie in solchen umständen müsse geschwängert seyn, von einen Kerl im weißen Kittel, welcher wie sie sich von dem jammer erhohlet, bey ihr gesessen, bald aber darauf von ihr gegangen und nicht gesaget wer er sey. Ob diese fast unglückliche Aussage wahr oder nicht muß man vorerst Gott und der Zeit anheim geben, in zwischen ist besagtes Ehebrechers Huhr Kind d. 27. Ej. zur Taufe beferdert und gennenet Johann Wilhelm und hat die Bademutter des hiesigen Stadtrichters Kalmeiers Frau in Ermangelung derer Gevattern zur Tauffe gehalten. (I – 1) (KB 1736 –10)

Das ist die erste Erwähnung von Anna Hedwig Kallmeyer als Bademutter.

Für den nachfolgend beschriebenen Fall ist die Bademutter Kallmeyer nicht verantwortlich. Er soll aber wegen der die Tücken und Schwierigkeiten des Einsatzes als Bademutter geschildert werden. Die betroffene Bademutter unten hieß vermutlich R. Dettmers. (KB  1716-46)

1719   Ulrichs, Catrine Margarete.(Bemerkung: durchgestrichener Name David Ulrichs)   Ulrichs, Anne Christine.

Den 3ten Augusti ist David Ulrichs ein Mousquetier unter Sr. Hochwohlgeb. des Herrn Obristen von Campen Leib- Compagnie Ehefrau mit Zwillingen niederkommen und … weil sie sehr schwach … im Hausse getauffet, bey Bartholomy Resmeier Bürgers und Brauer hirselbst. das erste von denenselben ein Töchterlein Catrine Margarethe genannt u. hat dem Organiste H. Schubart die Stelle eines Gevatters dabey …. Das andere, ein Töchterlein wurde Anne Christine genannt u. ist von H. Sergant Bietenbergs Fraue zur Tauffe gehalten.

Als der erste von diesen Zwillingen für einen Sohn aus Unvorsichtigkeit angenommen, so ist ihm auch der Nahme David bey der H. Tauffe beygeleget worden. Nachdem solches Vertauschen  des Geschlechts nun gemacht, bin ich den 5ten wieder ins obenerwähntes  Quartier des Soldaten Ulrichs gegangen, habe das Mägdlein nochmalen bringen laßen, in Gegenwart des Kindes Vaters, des Organisten Schubarts, des Hauswirths Bartholomei Resmeiers Ehefrauen, u. der Bademutter declariret, daß wegen der Tauffe dieses Kindes nichts versehen, sondern, wie … wie diejenigen die dabey gewesen, nicht bewußt gewesen, und ihm den Nahmen einer Mannes Persohn gegeben ist, welches sich nicht für das weibliche Geschlecht schicket und ich taufte nun das Kind nach Christi Einsegung und da der Vater sich nicht entschließen konnte wegen des Namens taufte ich sein Töchterlein, im Nahmen des Vaters, des Sohnes u. des H. Geistes mit Waßer, jetzt auf Verlangen des Vaters auf den Namen seiner Hauswirtinne Catrine Margarete. Der Bademutter aber ist ernstlich angedeutet künftig genauer und vorsichtiger zu sein. (KB 1719-20 /21)

Wieviel Kindern die Bademutter Anna Hedewig Kallmeyer auf die Welt geholfen hat, kann nur geschätzt werden, da die Kirchenbücher in Teilen unvollständig sind. Im Zeitraum ihres vermutlichen Wirkens wurden zwischen 1736 und 1740 zwischen 29 und 40 Kinder jährlich geboren. Sie hat in Neustadt also wenigstens 200 Kinder „zur heiligen Taufe“  gebracht. Es ist auch nicht überliefert, ob sich der Einsatz der Neustädter Bademütter auch auf die umliegenden Dörfer erstreckte.

Da erscheint  die mit der Todesmeldung im Kirchenbuch angegeben Zahl von 767 Geburten doch ungewöhnlich:

1785 Bademutter Anne Elisabeth Dörge               Am 4. Februar 1785 ist die Bademutter Anne Elisabeth Dörgen im 63ten Jahre an Faulfieber gestorben, nachdem sie seit dem 10ten März 1766 überhaupt 767 Kinder zur heiligen Taufe gebracht. (KB 1785)

Wenn die Bademutter Dörge  20 Jahre im Einsatz war, ist die angegeben Zahl von 767 Kindern bei einer durchschnittlichen jährlichen Geburtenrate zwischen 30 und  40 Kindern im Jahr fast als normal anzusehen. Obwohl die Stadt kaum 700 Einwohner hatte! Die Kindersterblichkeit war also hoch.

Vereidigung der Bademütter

Pflichten, welche bey Beeydigung einer Bade Mutter vorzustellen.

1. daß eine Bade Mutter all Zeit, wenn sie zu einer schwangeren Frauen gefordert wird, bereit und willig seyn müsse, und zwar ohne Unterschied reiche oder arme Persohnen.

2. daß sie sich aller starcken Geträncke, besonders des Brand Weins enthalten, und jeder Zeit nüchtern und christlich leben müsse.

3. daß mit dem Gebeth und hertzlicher Vertrauung zu Gott alles anfange.

4. daß sie eine in Kindesnöthen arbeitende Frau nicht zu früh angriffe, auch nicht aus nachläßigkeit Schäden entstehen, sondern die rechte Zeit beobachten

5. daß sie das neugebohrene Kind sorgfältig inachtnehme, damit an dessen Gesundheit nichts verwahrlost  würde.6. daß sie sich aller abergläubische dinge, besonders wie es die gemeinen Leute erwarten des Beuthens oder Seegens sprechens enthalten solle.

7. daß sie dem Prediger die Geburth eines Kindes gehörig anmelden müsse, damit solches ohne Tauffe nicht gar lange liegen bliebe.

8. daß sie bey einer Hure und unzüchtigen Weibs Persohn nach dem Vater des Kindes bey der Geburth erkundigen müsse.

9. daß sie alles bey Criminal Umständen auff ihr Eyd und Gewissen aussage.

10. daß sie sich überhaupt als eine christliche ehrliebende und Gottesfürchtige Persohn verhalten wolle.  Quelle: Eph Neu 238

Die Kinder Kallmeyers

Die Taufe des ersten Kindes, der Tochter Anne Louyse, war von einem kleinen  Eklat überschattet, im Kirchenbuch von 1716 schreibt der Superintendent Georg Lyserius:

Den 8ten Juli ist Anthon Christian Kallmeyers Ehefrau mit einer jungen Tochter niederkommen, welche den 12ten ejusd. getauft u. Anne Louyse genannt.

Gevattern:      meine des Superint. Lyseri Eheliebste Anne Elis. Eritropeln, H. Amt Komm. Hermann Ludwig, Voigt zu Mecklenhorst,  für welche der Schreiber Mons Balke gestanden. Madam Grünbergen ist zwar auch zu Gevattern gebeten, aber sie hat den Gevatterbrief zurückgegeben und nicht annehmen wollen.

NB: So verächtlich halten die Sünder Welt Gottes theure Sacramenta. Gott vergebe es ihnen.

Da stehen einige namhafte Persönlichkeiten als Fürsprecher und Paten zur Seite, nur Madam Grünbergen verweigert sich, warum auch immer.

Nicht ein Jahr später, im März 1718,  wird das zweite Kind, Carl Christian geboren. (Gevatter: Der hiesige Richter Harmen Ristenpatt.) Dieser Knabe verstarb jedoch ein Jahr später an den „Schürchen“ und wurde „in der Stille“, d.h. ohne großes Zeremoniell und ohne Glockengeläut beerdigt. Das Kind war keine 9 Monate nach der Geburt seiner Schwester geboren, vielleicht war es einfach nur zu schwach.

Insgesamt wurden 7 Kinder in die Welt gesetzt:

  • 1716 Anne Louyse, sie heiratet 1748 mit 32 Jahren Hans Heinrich Koch, „Invalide und Gefreyter von Hauß Regiment und Leib Companie“, der weitere Verbleib ist unbekannt.
  • 1717 Carl Christian,  der jedoch 15 Monate später wieder starb,
  • 1719 Catrine Sophie. Noch 1738 als Patin verzeichnet. Es ist anzunehmen, dass  es sich hier um die später nur als Sophie bezeichnete Tochter handelt. Sophie war das Skandalkind der Kallmeyers. Sie hatte 1743 eine Affaire mit dem Sohn des Scharfrichters hatte. Da die Scharfrichter außerhalb der Gesellschaft standen, könnte diese Affaire sich negativ auf den sozialen Stand der Kallmeyers ausgewirkt haben (siehe unten).  Sie heiratet 1762 den Invaliden und Gefreiten Corporal  Xian (sprich Christian) Freund. Der weitere Verbleib ist unbekannt.
  • 1722 Anne Cathrine , weiteres ist über sie nicht überliefert
  • 1725 Johann Ludolf, der zweite, aber überlebende Sohn  heiratet Sophie Magdalena  Goeings aus Suttorf. Die Frau ist 13 Jahre älter als er. Aus seiner Nachkommenschaft mit 7 Kindern kommen alle bis in die heutige Zeit in Neustadt bekannten Kallmeyer. In der Zählung von 1766 erscheint Sohn Ludolf als „Familienvorstand bzw. Hauswirt mit „1 Mann, 1 Frau. 1 Sohn unter 14; 1 Tochter unter 14, 1Tochter über 14, Anverwandte unter 14 J 1 und 1 , weiblichen Geschlechts unter 14 J : 1“.  Der Vater, Anton Christian, lebte noch, warum hier aber aus unbekannte Gründen nicht aufgelistet.
  • 1727 Ilse Dorothee, über sie ist weiter nichts bekannt
  • 1730 . Magdalena Elisabeth, auch über sie ist nichts weiter überliefert

1743 wird vermeldet:  Klages Johann Wilhelm: d. 12.Juli ist des hiesigen Stadt Richters Anton Kalmeiers dritte Tochter, Sophie Kalmeiers mit einem  Hur Kinde niederkommen und hat zum Vater angegeben des Scharfrichters Sohn Hinrich Klages ….

Scharfrichter waren ehrlos und blieben und heirateten  im Allgemeinen unter ihresgleichen. Es ist zu vermuten, dass  der Fehltritt der Tochter mit einem gewissen Ehrverlust für die Familie Kallmeyer verbunden war.  Der Name Hinrich Klages taucht in den akribisch geführten Jahrbüchern über Scharfrichterdynastien nicht  auf. Ob Sophie den Scharfrichtersohn geheiratet hat, oder es bei einem „Fehltritt“ blieb, ist nicht überliefert. Erst 1762 im Alter von 43 Jahren heiratet sie Xian (sprich Christian) Freund.

1741 war die Ehefrau Anna Hedewig (geborenen Ristenpart, Bademutter) verstorben. Bereits 1742 heiratete Kallmeyer, selbst schon 59 Jahre alt, die Witwe Seegers, die damit versorgt wurde, und vermutlich auch, weil seine jüngsten Kinder nur 12, 15 und 17 Jahre alt waren und der Haushalt eine Arbeitskraft als Mutter und Frau brauchte.

„Anthon Christian Kallmeyer-  Seegers

Dom: XVI. et XVII post Tinitat (?29.2.1742?) sind der hiesige Bürger, Brauer und Stadtrichter Anton Christian Kallmeyer und Anna Sophia Seegers, weyland Dierk Hansings in großen Heidorn nachgelassenen Witwe allhir zweimal proklamiret und den 20.Sep in hiesiger Kirche copuliret“ (KB 1742 30,7)

1745 wurde vom „Geheimen Rat Grote das Verzeichnis der Volkszählung vom 29.7.1745“ abgefordert. Darin erklärt Anton Kallmeyer:

  • Kinder über 14 Jahr = 1
  • Davon dienen in der Truppe= 0
  • Davon dienen als Knechte und halten sich auf dem Lande: 0
  • Davon befinden sich ausser Landes: 0

Die Obrigkeit war auch aus steuerlichen Gründen und dass kein wehrfähiger Jüngling durch die Maschen schlüpfte, auf regelmäßige Erhebungen angewiesen. Bürokratie war auch damals schon von Bedeutung.

Wie und ob die Kinder zur Schule gingen, darüber ist wenig erhalten. Lehrkräfte werden jedenfalls gelegentlich erwähnt. Die erste Knabenschule von 1707 stand zwischen  Kirche  und Zehntscheune und war das heute als „Storchenhaus“ bekannte Ikonenmuseum.

Was sonst noch geschah: Kurze Chronologie der Stadtgeschichte

Im Laufe der Lebenszeit von Anton Christian Kallmeyer erlebten dieser und  die Stadt einige Ereignisse:

1727 brennt die Stadt, 117 Gebäude werden Opfer der Flammen, nur 29 bleiben stehen, 465  Personen werden obdachlos, 64 Pferde und 298 Stück Hornvieh hatten keinen Stall.

Vermutlich nach einer kurzfristigen Unterbringung in benachbarten Ämtern und in kleinen Gemeinden kann Anthon Christian 1728/29  mit Frau und wohl 5 Kindern vor das Tor in ein neues Haus. ziehen

1727 wird Georg II. König von England, er spendet der Stadt nach einer Durchfahrt durch die abgebrannte Stadt eine erkleckliche Summe Aufbaubeihilfe. Das ermöglichte die Neuordnung  und Verbreiterung des Straßennetzes, wie es heute noch besteht, und die Anlegung von Feuerwehrwegen, sogenannten Kunterschaften mit Durchgängen bis zur Leine hin.

König Georg II. Landesherr v. 1727 – 1760

König Georg II. Landesherr v. 1727 – 1760

1731    Der König von Schweden übernachtet in Neustadt

1734    Bau eines Spritzenhauses

1736 wird die steinerne Brücke über die Kleine Leine gebaut. Bis 1920 blieb sie unverändert

Brückenstein

Brückenstein

Kleine Leinebrücke in Neustadt am Rübenberge

Kleine Leinebrücke in Neustadt am Rübenberge

Die Leinebrücken waren Teil der Poststraße, die „englische Post“ ging zweimal die Woche von Hannover über Bremen nach London. Der Ausbau der Kleinen Leinebrücke lag also im höchsten Interesse der königlichen Obrigkeit.

1740 eröffnet die erste Post in der Marktstraße, zwischen 1740 und 1750 wurde der Posthof gebaut

1748 Bau der neuen Schleuse

 

1751  Fesca zeichnet einen Stadtplan

1753   Moorvergleich

1757    weil er alte Friedhof „überquoll von Leichen“ wurde vor dem Leintor ein – fast illegaler- Friedhof angelegt. Der Gastwirt Buchholtz überbaut ihn für eine bessere Zufahrt zu seiner Ausspannwirtschaft. Er wird durch den Friedhof an der Nienburger Straße ersetzt.

1757    Neustädter Bürger werden in Anbetracht der französischen Gefahr zu Hand- und Spanndiensten zur Ertüchtigung der Festungswälle, Palisaden und Faschinen herangezogen

1756 bis 1763 7- Jähriger Krieg,

Neustadt und die umliegenden Dörfer leiden unter Ausplünderungen und Durchmärsche französischer Truppen. Schon immer gab es Einquartierungen in den Bürgerhäusern durch Soldaten, oft in qualvoller Enge

1760 König Georg III ist Landesherr, bis 1820

König Georg III ist Landesherr, bis 1820

König Georg III ist Landesherr, bis 1820

1763    Ende des 7-jährigen Krieges

1764    ein neuer Plan von Neustadt

1771    Kurhannoversche Landesaufnahme, Ausbau der Chaussee nach Nienburg

(HD August 2017)


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Quellen:

  • Wilhelm Winkel, 1966 Geschichte der Stadt Neustadt a. Rbge
  • Bühler u.A., 1974, Heimatchronik des Kreises Neustadt a. Rbge
  • Hans Pupke 1995, Die Landesherren der Stadt Neustadt a. Rbge
  • Dieter Barby aus den Neustädter Kirchenbüchern
  • Archiv Region Hannover NRÜ II 516
  • Schütte, Leopold, Wörter und Sachen aus Westfalen 800 bis 1800