Die Leinezeitung vom 08.11.2007 macht sich die merkwürdige Ausfassung zu eigen, der Feldwegdurchlass über den „Schiffsgraben“ in der südlichen Verlängerung der Lindenstrasse /Hachland) sei eine so genannte Napoleonbrücke. Man versteigt sich zu der Behauptung, hier sei die Brücke für den Durchmarsch Napoleonischer Truppen errichtet worden. Hier wird dieser Mythos nun beleuchtet. Schauen wir auf die Fakten.

Der aus Bruchsteinen errichtete Durchlass über den Schiffsgraben ist auf beiden Seiten mit Schlusssteinen versehen. Während der eine Initialen trägt, die noch der Identifizierung bedürfen, trägt der südwestliche Stein die Inschrift 1802.

Brückenschlussstein Franzosenbrücke Hachland Neustadt

Brückenschlußstein der sogenannten Napoleonbrücke über den Schiffgraben im Hachland - [Foto Dyck]


Brückenschlussstein Brücke Schiffgraben

Zweiter Brückenschlußstein über den Schiffgraben in Neustadt -
[Foto Dyck]

Napoleon hat das Kurfürstentum Hannover erst im Juni 1803 überfallen, nachdem ihm der König von England, somit der Kurfürst von Hannover, den Krieg erklärt hatte. Ein so unbedeutender Grabendurchlass wird kaum in vorauseilenden Gehorsam napoleonischer Macht gegenüber errichtet worden sein.

Ähnliches kursierte bereits vor einigen Monaten durch die Neustädter Presse: da wurde ein Durchlass unter der B6 bei Himmelreich als Napoleonbrücke oder Franzosenbrücke identifiziert, volkstümlich von Anwohnern aus Himmelreich so ebenso bezeichnet. Tatsächlich tragen hier die Schlusssteine die Inschrift “Königl. Wegbau”, die Jahreszahl 1779 und das Signum von König Georg III.
b6 himmelreich brückenschlussstein Franzosenbrücke

Franzosenbrücke oder Napoleonsbrücke in Himmelreich? - [Foto Dyck]

Die “Brücke” ist also lange vor der Napoleonischen Zeit im Zuge des planmäßigen Ausbaus der Kunststrasse zwischen Neustadt und Nienburg entstanden, also der heutigen B6, die in Ersatz für die umwegige Strecke durch die Dörfer Eilvese usw. neu errichtet wurde und mit Napoleon nichts zu tun hatte.

Der Zeitung nach zu urteilen, will der Neustädter Denkmalspfleger die Hintergründe der “Brücke” am südlichen Ende der Lindenstrasse aufklären. Warten wir es ab. Soviel ist schon jetzt sicher: Es handelt sich hier um eine Überquerung des historischen Schiffgrabens, der im Zuge eines Rezesses von 1753 entstanden ist und dem Transport von Torf in Schiffszügen vorm Moor zur Leinen hin ermöglichen sollte. In diesem “Moorvergleich” wurde unter vielen anderen Punkten geregelt:
Aus Winkel, S.224: “Der vorhandene alte Graben vom Moor bis in die Leine durch das Stadtgehölz (den Wald im Hachland) soll auf 18-20 Fuss verbreitert werden[...]
Die Stadt gestand dem Amt weiter hinzu, den “[...] freien Raum zum Schiffslinienzuge in Breite von 12 Fuss auf beiden Seiten des Kanals zur Verfügung zu stellen. (aus Barby)
Der Kanal scheint aber Ärger in Bevölkerungskreisen verursacht haben, denn bereits 1754 musste eine Verordnung drakonische Strafen für die Verursacher von Zerstörungen am Schiffskanal ankündigen.

Zeugen des Kanals sind noch heute die Straßenbezeichnung “Am Schiffgraben” in Poggenhagen und “Schiffgraben” in Stadtplänen. Der steinerne Durchlass ist wohl 50 Jahre nach dem Vergleich erneuert, der Weg oberhalb mit fachgerecht gesetztem Steinpflaster befestigt worden.

Der Schiffgraben heute (April 2007):

Der Schiffgraben in Poggenhagen - historische Verbindung von Leine und dem Toten Moor.

Der Schiffgraben in Poggenhagen - historische Verbindung von Leine und dem Toten Moor - [Foto Dyck]

Soviel scheint also sicher: Die Neustädter Infrastruktur brauchte offensichtlich keine französische Hilfe. Es ist möglich, dass französische Truppen über diese Brücken marschierten; vielleicht Richtung Osten oder aber auch auf dem Rückzug aus Russland Richtung Westen. Eine detaillierte Untersuchung der Truppenbewegungen könnte hier Erleuchtung bringen. Allerdings ist keine der Brücken für Napoleons Truppen errichtet worden.

Karte

[HD, November 2007]