Fabrik chirurgischer Moos-Präparate von 1882: Torfmoos für medizinische und hygienische Zwecke - Erfindungen zur Zeit der industriellen Revolution
1882 wurde in Neustadt die “Fabrik chirurgischer Moos-Präparate” durch Moritz Marwede gegründet. Die Gründung zeigt den Unternehmungsgeist und Einfallsreichtum damaliger Fabrikanten und ist ein Stück Zeitgeschichte der Industrialisierung Neustadts. Erstmals wurde Torfmoos (Spagnum) aus den Mooren als Naturstoff für Heilmittel, später auch für Hygieneartikel des Alltages, entwickelt und vertrieben. Das entstandene Versandhaus für Torfmoos-Artikel ist möglicher Weise das erste reine Versandhaus für Sanitätsartikel weltweit. Die Produktpalette umfasste Verband-Moos, Moos- Pappe, Moos-Satteldecken und Geschirr-Unterlagen, Unterlagen für Wochenbetten, Periodenbinden für Damen, und Moos Einlegesohlen.
Rüdiger Marwede, der Enkel des Unternehmensgründers, hat die interessante Geschichte des Unternehmens freundlicher Weise in einem Beitrag zusammengefasst:
In Neustadt am Rübenberge wurden in der Firma M. Marwede bis 1991 Einlegesohlen aus Moospappen hergestellt. Im Volksmund wurde diese Firma auch „Moosfabrik“ genannt.
In Neustadt am Rübenberge wurden in der Firma M. Marwede bis 1991 Einlegesohlen aus Moospappen hergestellt. Im Volksmund wurde diese Firma auch „Moosfabrik“ genannt.
Die Geschichte dieser Fabrik geht auf das Jahr 1882 zurück.
Der Großvater von Rüdiger Marwede, Kaufmann Moritz Marwede (25.08.1851 in Bremen –11.04.1932) gründete am 20. Mai 1882 eine „Torfstreufabrikation mit Lokomobilenbetrieb“.
Diese Produktion wurde jedoch nie in größerem Umfang in Betrieb genommen. Denn nun beginnt eine interessante Entwicklung, über die hier berichtet werden soll.
Moritz Marwede war mit einem Freund zum Torfstechen in das Tote Moor gefahren. Dabei hat sich der Freund mit dem Torfspaten erheblich verletzt. Da kein Verbandszeug vorhanden war, zogen sie Torfmoos (Spagnum) aus dem Moor, drückten das Wasser heraus, legten es als „Verbandskissen“ auf die blutende Wunde und umwickelten es mit einer Binde aus einem zerrissenen Hemd.
Da es keine Entzündung der Wunde gab, wurde das Moos untersucht und man stellte fest, dass es antiseptisch war.
Aus diesem Erlebnis im Moor entstand die neue Geschäftsidee und der neue Firmenname: „Fabrik chirurgischer Moos Präparate“.
Die Produkte waren nun: Verband-Moos, Moos-Kissen, Moos-Filz, Moos-Pappe, Unterlagen für Wochenbetten, Moos-Matratzen für Siechenheime, Moos-Binden für Damen.
1894 wirbt die Firma im Bilz-Gesundheitslexikon „Das neue Natur Heilverfahren“ in ganzseitiger Anzeige für „Marwede`s Moos-Binden“ , einer modernen Damenbinde, im Versand.
Weitere Handelsartikel im Postversand waren Verband-Gazen, Jodoform-Gaze, Carbol-Gaze und Binden.
Wir vermuten, dass M. Marwede somit das erste Versandhaus für Medizinische Produkte in Deutschland betrieb.
1911 stellt die Firma M.Marwede auf der „Internationalen Hygieneausstellung“ in Dresden aus und wird mit Medallien ausgezeichnet.
Die technische Ausrüstung:
Von 1882 bis ca. 1895 wurde zum Antrieb der Maschinen eine Dampfmaschine verwendet, die Transmissionen antrieb.
1895 wurde der Antrieb auf einen Benzinmotor umgestellt. Schon 1917 gibt es einen Gasmotor. Am 17.12.1917 beantragte Moritz Marwede beim Vertrauensmann des Reichskommisars für Gas u. Elektrizität in Neustadt durchgehende Gaslieferungen für den Gasmotor mit folgender Begründung: “Ich fertige für das Kriegsbekleidungsamt des X. Armeekorps „Mooseinlegesohlen“.
Später wurden alle Produktionsanlagen auf modernen Einzelantrieb mit elektrischen Getriebemotoren umgestellt.
1924 errichtet Moritz Marwede einen Zweigbetrieb in Hannover-Herrenhausen.
Nun werden in beiden Betrieben hauptsächlich „Marwede´s Moossohlen“ aus handgeschöpfter Moospappe hergestellt.
Das für die Produktion erforderliche Moos wurde aus den Mooren in Neustadt und Otterhagen bezogen. Größere Mengen konnten in Ostpreußen beschafft werden. Die Anlieferung des Mooses erfolgte über einen eigens angelegten Gleisanschluß per Bahn. In einem großen Lagerschuppen wurde das im Herbst angelieferte Moos für eine Jahresproduktion gelagert.
1941 wird die Produktionsstätte in Hannover durch einen Luftangriff zerstört. Die Fabrik in Neustadt wird stillgelegt.
1947 übernimmt ein Enkel des Firmengründers die Firma und leitet die Produktion der Einlegesohlen in Neustadt bis 1991. [Rüdiger Marwede]
Es sind darüber hinaus noch weiter Dokumente aus der Firmengeschichte erhalten, so zum Beispiel eine Broschüre für Marwedes Moossohlen von 1958 , ein Schriftstück an den Magistrat der Stadt Neustadt am Rübenberge von 1888 und einen Gasantrag von 1917. Wir danken Rüdiger Marwede für seinen Beitrag. [CD, März 2008])






Welf Murken Steinhude on 09 Nov 2009 at 12:20 #
bewundere die Geschäftsidee!!!!!!!!!